Saturday, October 21, 2006

Als Fernzugreisender schaue ich, während ich auf die Ankunft meines Zuges warte, verächtlich auf die Pendler auf dem Bahnsteig gegenüber, die ich in diesem Moment als „voyageuses Fliegengewicht“ bezeichne, sprich nicht meine Klasse und deshalb unter meiner Würde. Fahrt ihr nur mit eurem stickigen, vollgestopften und schäbig roten Regionalexpress, ich reise mit der Königin der Züge. Meine gefühlte Überlegenheit elektrisiert mich bis in die Spitzen und spornt mich gleichzeitig zu kühnen Taten an.
Während ich so vor der mit fettigen Fingerabdrücken übersähten Mattscheibe des Automaten stehe, denke ich: „Die 1,50 Euro für die Platzreservierung sparste dir“!

Apropos fettig: Hat sich schon einmal jemand die Geländer und Haltegriffe in Zügen und Straßenbahnen genauer angeschaut? Ich mir schon, denn ich neige dazu, mir mehrmals täglich die Hände zu waschen. Von speckigen Händen glänzend präsentieren sich besonders an den Türen Haltevorrichtungen, die man je nach Personendichte in der Bahn gezwungen wird, anzufassen, will man nicht die anderen Leute mit seinem hin und her fliegenden Körper belästigen. Die reinste Tortur, denn wer weiß schon, wer hier seine Finger im Spiel bzw. davor in Körperöffnungen hatte, ohne danach klares Wasser sowie Seife zu konsultieren.
Ein kalter Schauder fährt mir den Rücken herunter und verzweifelt suche ich die Stelle, die wohl am wenigsten berührt worden sein wird. Bewährt hat sich hier die „Zwei-Finger-möglichst-weit-oben-Technik“. Grund: Schmutzige Kinderhände besudeln die untere Region der Haltstangen, Erwachsene mit Körpergröße zwischen 1,60 und 1,80 das mittlere Drittel und die wenigen Personen, die eine stattliche Körpergröße von über den eben besagten Maßen besitzen, sind klar in der Minderheit und somit ist im oberen Bereich am wenigsten Fettschmiere zu finden. In Kombination mit der sparsamen Benutzung von nur zwei Fingern, welche die Auflagefläche möglichst gering halten und trotzdem ausreichend Stabilität auf ruckelligen Fahrten bieten, ist dies eine Strategie, mit der ich persönlich leben kann.

Doch nun zurück zu meinen gesparten 1,50 Euro Platzreservierungsgebühr. Bereits beim Einsteigen bereue ich und werde von Trolleys jeglicher Couleur umzingelt und eingezwängt, kämpfe mich mühsam hindurch und muss anschließend Stunden nach einem Sitzplatz suchen, so dass ich cleverer Sparfuchs mir mal wieder selber in den Arsch treten könnte.

Schlauer bereite ich die Rückfahrt vor. Platz wird reserviert, Anschlusszug jedoch leider verpasst, damit Reservierung futsch, eine Stunde Karlsruhe Hauptbahnhof, 2 Stunden sich räkeln auf dem kuscheligen ICE Teppichboden, gefolgt von der Einsicht, dass sich investieren hin und wieder doch lohnt, z.B. in ein neues Auto.

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